Svenja Plaßpöhler: Verzeihen – Vom Umgang mit Schuld

Empfohlen von Roger Hofer am 01.04.2026

München 2016
Deutsche Verlags-Anstalt
224 Seiten

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Eine Frau verlässt ihre Familie – Das Buch setzt ein mit dem Erinnerungsbild der Autorin über den Auszug der eigenen Mutter. Diese beginnt ein neues Leben mit ihrem dritten Ehemann, wobei sie den Kontakt zu ihren beiden minderjährigen Kindern völlig abbricht. Als die Autorin selber Mutter wird, erwacht der Wunsch, die Mutter zu treffen und sich ihr mitzuteilen. Sie hat den stillen Wunsch nach einem Wort des Bedauerns, nach einer Erklärung seitens der Mutter, aber diese bleiben aus. Flasspöhler sieht ein, dass der eigenen Geschichte nicht zu entkommen ist. „Weshalb willst du die Mutter sehen, fragt die Halbschwester. „Weil sie irgendwann sterben wird. Weil sie unsere Mutter ist“. „Was erwartest du von ihr?“ „Nichts, weder eine Erklärung noch eine Entschuldigung; sie kann mich nicht mehr verletzen“. „Du hast ihr also verziehen?“ – „Ich weiss nicht, was ich sagen soll“.

Die persönliche Geschichte der Autorin ist in diesem Buch nicht bloss Illustration der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Verzeihen, sondern der narrative Zugang hat die Funktion, Philosophie und Lebenswelt zu verknüpfen. Das Verzeihen scheint eng an individuelle Bedingungen geknüpft zu sein, so dass die philosophische Analyse an Grenzen stösst und des Erzählens bedarf. Daher lässt die Autorin in jedem Kapitel Menschen mit ihren Geschichten zu Wort kommen. Bezeichnend ist auch, dass die Frage, ob Flasspöhler ihrer Mutter schliesslich hat verzeihen können, offen bleibt.

Die philosophische Untersuchung beginnt mit Begriffsbestimmungen: Verzeihen wird als Verzichten auf Vergeltung, Wiedergutmachung definiert. Der Verzeihende fordert nicht, was ihm eigentlich zusteht. Er hört auf zu „zeihen“ (= bekannt machen, benennen). Damit wird eine ökonomische oder rechtliche Regel in unserem Leben durchbrochen: Wer Schuld hat, muss dafür bezahlen. Es geht beim Verzeihen darum, einen Impuls oder Affekt abzuwehren und Zurückhaltung zu üben. Einige deutschsprachige Philosophen unterscheiden zudem verzeihen und vergeben. In anderen Sprachen werden die beiden Begriffe aber gar nicht getrennt. Bereits die einleitenden begrifflichen Bestimmungen, welche die Autorin u.a. an Derrida und Arendt orientiert, machen deutlich, wie unterschiedlich der Begriff des Verzeihens gefasst werden kann. Das philosophische Spektrum des Themas wird sodann in der Hauptuntersuchung mit drei Fragen, die in drei Teilen bearbeitet werden, abgesteckt:

1. Heisst verzeihen verstehen?

Unter dem Gesichtspunkt „verstehen“ werden verschiedene Konzepte und Beispiele aus Philosophie und Literatur herangezogen, wobei die gedankliche Verknüpfung insgesamt recht lose bleibt, die philosophische Analyse geht selten sehr tief. So wird u.a. gefragt, ob der Verstehensprozess den Blick auf den Täter verändert oder wie frei unser Handeln wirklich ist. Diese Ausführungen leiten über zur Kritik des autonomen Subjekts bei Nietzsche und Foucault. Auch die eigene Geschichte der Autorin wird unter dem Gesichtspunkt des Verstehens befragt: Hat die Mutter mit dem Abschied von der Familie nicht gerade eigenverantwortlich und autonom gehandelt? Gegen die sozialen Normen? Andererseits: Hätte die Mutter wirklich autonom gehandelt, könnte die Tochter eine nachträgliche Erklärung verlangen. Dass zum ganzen Geschehen über all die Jahre so hartnäckig geschwiegen wird, ist befremdend. Hat die Mutter aber auch die Kontrolle über ihre Wünsche und Interessen? Flasspöhler erwägt kurz, dass die Mutter krank sein könnte (Borderline) – dies würde eine generelle Entschuldigung bedeuten. Und weiter: „Es geht schliesslich nicht um mich, sondern um sie“. Weshalb? Ist das nicht eine Ausflucht? Flasspöhler meint, dass sich hier ein fundamentales erkenntnistheoretisches Problem stelle: „So sehr wir einen anderen Menschen verstehen wollen, bleiben wir doch in unserem Bewusstsein eingeschlossen und reduzieren das Gegenüber auf die Logik des Selben.“ Aus meiner Sicht ist das zu pauschal formuliert: Wenn der andere strikt schweigt, heisst dies etwas anderes, als wenn er sich zu erklären sucht und es allenfalls nicht vollständig kann. Die Autorin betont, Lévinas habe auf diese Grenze der Verstehbarkeit des anderen hingewiesen. Was sie aber mit Zitaten ausführt, radikalisiert die Unverständlichkeit des anderen unnötig. Interessant ist hingegen die These, dass das Eigene – aufgrund der grundsätzlichen Unverstehbarkeit des anderen – nicht Massstab der Beurteilung des anderen sein sollte, das ist für das Verzeihen relevant: Weil ich den anderen nicht wirklich verstehen kann, kann ich verzeihen. Die Geschichte von G. Meyer, die ihre Tochter 2009 bei einem Amoklauf in Winnenden verloren hat, bildet den Abschluss dieses Teils, wobei das Interview v.a. die Rolle des Verstehens im Verzeihensprozess beleuchtet.

2. Heisst verzeihen lieben?

Hier geht es um die schenkende Gabe des Verzeihens. Woher kommt dieser Impuls? Flasspöhler verweist u.a. auf die religiöse Praxis der Absolution: Hier wird Reue als Bedingung vorausgesetzt. Funktioniert das weltliche Verzeihen nicht gerade umgekehrt, nämlich so, dass die bedingungslose Liebe überhaupt erst erlaubt, Reue zu zeigen? Der Schulderlass ginge dann der Reue voraus, sie wäre ein Vertrauensvorschuss. Dieser Kredit wäre wichtig, weil er den Täter von der Fixierung auf seine Tat löste, ihm anderes zutraute. Was aber ist, wenn die Reue auch nachher und auf Dauer ausbleibt? Hat man sich im Täter getäuscht? Vielleicht liegt im Kredit dann doch eine Verpflichtung zur Gegenleistung in Form eines Schuldbekenntnisses. Dies führt zu Nietzsches Überlegungen einer „anderen Ökonomie“, die mit dem Prinzip des Schuldausgleichs bricht. Auch dieser Teil wird mit einer Geschichte beendet: „Schuld und Liebe“. Sie handelt von einem Insassen der Haftanstalt Tegel, der vor 26 Jahren seine Geliebte ermordet hat. Er verspürt immer noch grosse Reue; er hat getötet, was ihm am liebsten war. Er kann sich selbst nicht verzeihen. Dazu zitiert die Autorin Arendt: „Denn niemand kann sich selbst verzeihen, und niemand kann sich durch ein Versprechen gebunden fühlen, das er nur sich selbst gegeben hat. Versprechen, die ich mir selbst gebe, und ein Verzeihen, das ich mir selbst gewähre, sind unverbindlich wie Gebärden vor dem Spiegel.“

3. Heisst verzeihen vergessen?

Ist Vergessen die Voraussetzung für Verzeihen? Unter diesem Gesichtspunkt wird u.a. auf Nietzsche verwiesen, der die Vergesslichkeit als Überlebensstrategie propagiert. Flasspöhler schreibt, der Verzicht auf die Vergeltung sei mit dem Unterlassen der Erinnerung eng verknüpft. Das bezweifle ich. Ich kann doch die Tat sehr wohl klar in Erinnerung halten und dennoch verzeihen. Weiter verweist die Autorin auf die Resilienz-Forschung, wobei wiederum deutlich wird, dass die gedanklichen Verknüpfungen zuweilen recht assoziativ und lose erfolgen, denn bei Resilienz geht es ja weniger um ein Vergessen, sondern um eine „uminterpretierendes“ Erinnern. Das klingt klarer in der Formel „Vergessen durch Erinnern“ an, welche Flasspöhler anschliessend in ihren Ausführungen zu Ricoeur aufgreift. Nach Ricoeur zielt das Vergessen nicht auf die Ereignisse, denn die bleiben klar in Erinnerung, sondern auf die Schuld. Die Bedeutung der Ereignisse und ihr Ort in der ganzen Dialektik des geschichtlichen Bewusstseins werden neu interpretiert. Verändert wird also nicht die Erinnerungsspur, sondern die psychische Besetzung dieser Spur. Die Vergangenheit wird überholt. Schliesslich wird unter dem Gesichtspunkt „Vergessen“ auch die historische Schuld der Naziverbrechen aufgegriffen. Hierbei bilden die grössten Verbrechen der Menschheit den Fluchtpunkt der Philosophie des Verzeihens. Die Geschichte „Wenn Wunden nicht heilen“, welche ein Gespräch mit zwei Überlebenden der Shoah, Regina und Zwi Steinitz, wiedergibt, beschliesst den dritten Teil.

Insgesamt halte ich das Werk von S. Flasspöhler für sehr lesenswert. Es stellt eine breit angelegte Dokumentation zum Thema Verzeihen dar und enthält eine Vielzahl von interessanten Bezügen. Allerdings ist der systematische Ertrag in Bezug auf die philosophische Analyse des Begriffs verzeihen aus meiner Sicht etwas heterogen.